Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug in der Dämmerung

Interview mit Carin Grudda

 

Mit einem Interview begann die Begegnung zwischen Carin Grudda und der Journalistin Kerstin Bachtler.

Vor fünf Jahren besuchte Kerstin Bachtler die Künstlerin zum ersten Mal in ihrem Atelier, um einen Film über sie zu drehen. Ganz nah dabei zu sein, zu sehen, wie ein Kunstwerk von Carin Grudda entsteht, das hat Fragen aufgeworfen. Carin Grudda gab offene Antworten, die weit über ein Interview hinausgingen. Was als routiniertes Frage- und Antwortspiel gedacht war, wurde zum persönlichen Gespräch und zu einer Freundschaft.

Kerstin Bachtler hat Carin Grudda noch einmal Fragen über ihre künstlerische Arbeit, ihre künstlerische Entwicklung und über sie selbst gestellt.

Wann beginnt für Dich ein Kunstwerk – wann beginnt für Dich der Schaffensprozess und womit?

Der beginnt ganz früh, indem ich Material sammle.

Wo findest Du das?

Ich arbeite seit ungefähr drei Jahren (seit 2000) mit Fundstücken. Einige finde ich am Meer: angeschwemmte Brettchen, kleine Holzstücke, Schiffsplanken, rostige Dosen, also alles Material, das schon mal ein Leben gehabt hat und von diesen Spuren berichtet, das gebraucht ist, weggeworfen, versehrt oder eben vergeht. Das hebe ich prüfend auf, manches befinde ich für gut und bewahre es, wegen einer Farbe oder einer verrückten Struktur oder Form. Es ist im Grunde kunstunwürdig. Indem ich es später in Bronze gieße – alte Sohlen, Schuhe, Kronkorken, auch den Sand selbst als Bildträger – halte ich es fest im Zustand seiner Auflösung; durch diese ästhetische Entdeckung bewahre ich es davor, entsorgt, das heißt, auf den Müll geworfen zu werden. Ebenso verhält es sich, wenn ich diese Fundstücke in Bilder einbaue oder dranhänge – als Zeichen immer auch der Bewegung: des Werdens, das in ein Sein übergeht und sich dann wieder auflöst, um in einen weiteren Seinszustand zu führen.

Die Bildträger sind meist ebensolche Fundstücke: mein anderer Ort der Spurensuche ist die Gießerei in der Toskana, wo ich meine Skulpturen mache – da wird ja sehr viel mit Feuer gearbeitet.

Die ganzen großen Bretter auf der Transport-Rollenstraße, auf die man die Gussformen legt und weiterbearbeitet, etwa ein Keramik-Trennmittel abfackelt und den gesamten Sandguss abwickelt. Diese späteren Bildträger sind versehrt mit Gips-, Sand- und Brandspuren. Und so fängt er also an, der Prozess der Kreativität: indem ich auswähle, welches Material ich nehme.

Denn das habe ich vorher gehortet, sortiert, und wenn ich an ein Bild gehe oder eine Bronze – meist sind es Zyklen – wähle ich das Material und den Bildträger aus, der mir passend erscheint für das jeweilige Thema – das ist der nächste Schritt.

Ich lege mir dann ein oder zwei Bretter hin und fange an, in einen Dialog zu treten. Zu prüfen, zu schmecken. Ich lege ein Hölzchen auf das Brett, ein  weiteres, dann lege ich es wieder anders herum und plötzlich ergibt sich ein Zusammenhang, ich überprüfe, ob das zum Beispiel ein Gesicht sein könnte. Das dauert manches Mal ganz schön lange, einen ganzen Nachmittag, oder sogar einen ganzen Tag.

Indem ich immer mehr Material zusammentrage, entsteht in mir ein Farbklima, ein Aroma, eine spezifische Atmosphäre. Du musst dir vorstellen, du spielst Schach: du unternimmst ganz viele Züge im Kopf, bevor du den ersten auf dem Brett vollziehst. Ich habe im Moment den Herzbuben im Kopf, den ich für eine Ausstellung in einer ambulanten Herzklinik gemacht habe. Da ist der Bildträger: eine alte Holztür. Ich lege ein verbranntes Brett oben drauf, das ein Loch hat, und ich sehe darin ein Auge. Das Brett erscheint plötzlich als Gesicht. Da denke ich: dieses Auge ist so ein leeres Auge – und da ich handgeschmiedete Nägel liebe, haue ich also einen Nagel hinein. Das ist ja schon ganz schön brutal, aber es gibt da eben auch wieder den Film von Dalí und Buñuel »L’age d’or«, wo ein Auge zerschnitten wird, und das fällt mir grad so im Moment ein. Von hinten angeflogen wie die Eule der Minerva.

Das heißt, es ist nicht immer so, dass du ein Thema schon hast und danach Material suchst, sondern es kann auch sein, dass du Dinge findest und auf einmal hast Du auch ein Thema dazu. Wie ist da das Verhältnis? Gehst du schon mit dem fertigen Thema auf Suche oder suchst du mit deinen Materialien auch die Themen?

Das geht ineinander über. Manches Mal ist es ein fertiges Thema, zu dem ich mein Material suche. Oft aber ist es wie ein Stück Musik, wo sich etwas in der Schwebe hält und dann konkretisiert. Oder plötzlich löst sich das feste Thema auf, weil eine Form dich auf einen anderen Weg bringt und dann weitere Formen nach sich zieht. Also dieser Herzbube, der sollte ursprünglich eine Herzdame werden, aber das ging überhaupt nicht auf, denn mir fiel sowohl ein alter handgeschnitzter Köcher in die Hände, den ich auf das Brett nagelte, als auch ein Holzstab, den man benutzt, um die Schlacke wegzustoßen beim Gießen. Die Spitze dieses Holzstabes verkohlt bei 1300 Grad. Ich blattvergoldete diesen Stab und steckte ihn in den Köcher. Das wurde dann natürlich ein Bube. Ich hätte vielleicht auch eine Diana daraus machen können, aber es ging ja um das Thema Herz. Danach fielen mir gegossene Bronzebonbons ins Auge, vier Stück. Und ich dachte, diesem herben Buben müsste ich etwas Süßes beigeben . Ein bisschen Dame kam eben doch noch als Assoziation mit hinein. Und so hat ein Stück das andere nach sich gezogen. Natürlich auch die Spielkarte als Idee, die das Farbklima bestimmte – rot und grün mit strengem Muster – zitiert aber eben nur an einem Bein – auch wieder verspielt.

Wie war das mit deinen Türen? Ich fand es faszinierend, diese großen Türen zu sehen, auf denen du gemalt hast. Diese Türen sind ganz anders als deine Bilder auf Leinwand. Den alten Holztüren sieht man an, dass sie gelebt haben, als Tür irgendwo hingen, benutzt wurden. Ich bin gespannt, ob auch da ein Prozess dahinter steckt. Das versucht man als Betrachter zu ergründen. Wie bist du auf die Türen gekommen? Und wie ging der Prozess in dir dann weiter?

Türen sind ein spannendes Thema: sie beschreiben ein Auf-der-Schwelle-Sein, das heißt, einen Zustand zu verlassen und noch nicht angekommen sein in einem anderen. Sie sind Metapher fürs Unterwegs-Sein, für ein »In-Between«. Dieses Auf-der-Schwelle-Sein berichtet vom stetigen Fließen vom einen ins andere, vom Sein des Werdens und Werden des Seins. Die einzige Endlichkeit dieser Bewegung ist der Tod. Wir sind endlich, das ist unsere einzige Gewissheit: von Geburt an dem Tode zu. Bis dahin tanzen wir den unendlichen Reigen des Wandels, des Ankommens und Verlassens. Jeder dieser Durchgänge sieht verschieden aus – vorausgesetzt, wir trauen uns hindurchzugehen. Mir fällt der Prolog zu Kafkas Prozess ein: der Sterbende, der den Wächter vor seiner Tür fragt, warum er ihn nie habe passieren lassen – er habe nie danach gefragt, antwortet der.

So transportieren diese Türen jedes Mal ein anderes, vorläufiges Klima. Es gibt eine heitere Tür, eine kleine Tür mit Augenzwinkern, eine strenge und fast gotische Tür, eine, die Leidenschaft verspricht oder eine, die zum Ausflug ins Grüne einlädt und zum Verweilen. Zu einer Ausstellung letztes Jahr im Kulturbahnhof in Kassel gestaltete ich sieben Türen – wie die sieben Wochentage. Zu dem Montag fiel mir eine blaue Tür ein. Vielleicht wegen des blauen Montags … , ich weiß es nicht. Ich denke, dass ganz viel auch unterbewusst und unbewusst mit einfließt. Jedenfalls wollte ich den Montag neu erfinden mit nur einer Farbe, der Farbe Blau. Und ein bisschen Weiß und allen Blauschattierungen. Und was sich daraus ergab, hat auch mit blauer Blume zu tun und ebenso mit Nachtexpress: dem Für-sich-Sein und Alleinsein in der Nacht, wo du Zeit hast, nachzudenken. Und diese Tür zog wieder andere kleine Fundstücke nach sich, die baumeln mussten. Ein Stern, der an einem Nagel hängt, ein Schuh, der verträumt im Wind schwebt. Und eine Tulpe am Rande und wieder ein anderes kleines Brett, das von Häusern spricht – so ganz einsam geht,s halt doch nicht. Ein Hund muss dabei sein. Also malte ich einen kleinen Hund und nagelte den wiederum ganz schief auf diese Tür. Die hat nun einen blauen Untergrund, lauter blaue Versatzteile, und das ganze Leben entfaltet sich auf dieser Tür in verschiedenen Schichten.

Die Bronzetür – die alte Vorlage brachte mir ein Bauer – stellte ich vor die Gleise: dorthin, wo man abfährt und wo man ankommt. Auch wieder ein Spiel – sagte nicht Kurt Schwitters einmal, wir spielen, bis der Tod uns abholt? Bei mir in Italien werde ich diese Tür – ein Flügel ist geschlossen, einer offen – an den äußeren Rand einer der Terrassen stellen, so dass du, hindurchschreitend in Gedanken, einen Schritt ins Nichts unternimmst, in die Leere …

Wie entwickelt sich denn der Dialog zwischen dir und dem Kunstwerk, das du gerade machst? Du beeinflusst ja das, was du machst, du findest Dinge, ordnest sie neu, gibst den Dingen eine neue Aussage, vielleicht auch manchmal einen neuen Sinn. Gibt es diese Wirkung auch umgekehrt? Während du arbeitest, was passiert da in dir? Kann man so weit gehen zu sagen, der Umgang mit Fundstücken öffnet dir auch den Blick oder verschafft dir vielleicht sogar eine neue Erkenntnis?

Der Dialog ist mitunter ganz spannend. Das geht über eine Zärtlichkeit und Fürsorge bis hin zur Wut und zur Aggression: dass ich einen Bildträger oder ein Werkstück behämmere und mit der Farbe richtig darauf eindresche. Oder es auch voller Zorn zerstöre und dann wieder aus dem Nichts heraushole. Kunst ist Störung, immer wieder. Immer auch die Bereitschaft, etwas kaputt zu machen, aufzulösen, neu zu beginnen. Bloß dich nicht in eine Form verlieben. Das wird dekorativ. Es ist eine Auseinandersetzung mit dir selber und einem phantasierten Gegenüber. Und einig bin ich dann, wenn ich ein Gleichgewicht gefunden habe in diesem Dialog, eine Harmonie, die auch schräg sein kann, die oft auch schräg sein muss. Die gerade noch so gewahrt bleibt, indem ich da noch einen Strich wage, da noch etwas aufhänge, da aus dem Rahmen springe, da eine Angel befestige, wo noch was dran hängt, das ganz bedroht wieder den Zusammenhang verlässt. Und indem das Ganze ein Gefüge bleibt, hochsensibel, immer den Abgrund auch in sich trägt und trotzdem dem Tod von der Schippe springen kann … .

Das klingt nach ziemlich viel Anstrengung und Kraftverlust. Ist es immer so, dass dich diese Art zu arbeiten viel Kraft kostet, oder gibt sie dir auch etwas? Und was? 

Wenn es gelingt, dieses zerbrechliche Gefüge, dann gibt es Kraft. Und dann gibt es ganz viel tiefe Zufriedenheit und Freude, die dauert zwar nicht lange, leider, aber sie ist dann ganz intensiv. Und zwischendrin gibt es natürlich kleine Ruheinseln. Du musst dir das vorstellen wie auf einer Reise, wo du ab und zu mal auf einem kleinen Hügel ankommst, dir den Bauch reibst und sagst, das war aber jetzt gut. Und dann geht’s weiter, weil es noch nicht fertig ist. Und dann geht’s auch wieder in Sturzfahrt abwärts, aber auch mal wieder aufwärts. Und das Ganze dann auf einen Punkt zu bringen, haargenau, mit allem Chaos – ja: das ist die Arbeit.

Was ist es, das verhindert, dass die Ruhe bleibt? Was treibt dich voran?

Tja. Die Rastlosigkeit, das Weitermüssen. Die Tröstung hält halt nicht so lange vor. Ich muss mir dann wieder eine neue verschaffen. Manchmal denke ich, es ist wie eine Droge. Ich brauche immer wieder eine neue Antwort. Immer wieder neues Mich-Vergewissern, oder mich versichern in der Welt. Es ist immer wieder ein neues Stück Landnahme.

Gab es Stationen oder Objekte in deiner Arbeit, wo dir bewusst geworden ist, da habe ich einen wichtigen Punkt erreicht?

Das gelingt eher in der Bronze. Wenn eine Bronze auf einem öffentlichen Pfatz steht, dann ist das immer was ganz Seltsames, es ist fast zu intim. Du bleibst ja irgendwie ganz nah dran, es ist ja deine Skulptur. Du denkst dir, hoffentlich lebt sie noch, wird sie gemocht. Und da ich meine Bronzen grundsätzlich auf keinen Sockel stelle – sie haben direkte Erdhaftung – sind das spielerische Bronzen, die sich anbieten und begreifen lassen. Und wenn viele Leute das tun, dann geht’s mir gut. Es sitzen dann Kinder darauf oder mal ein Liebespaar, auf so einem Pegasus oder auch auf dem Großen Höllenhund, genau so wie ich darauf klettere.

Die häufige Benutzung ergibt eine natürliche Patina, golden und warm, die von Berührung spricht: das sind dann die Ruhepunkte, die Etappen, die mir etwas zurückgeben.

Manches Mal gelingt auch ein Bild ganz besonders und leitet mit einem Donnerschlag den neuen Zyklus ein: die Kraft, die drinsteckt, bleibt bewahrt und du bekommst sie jedes Mal zurück, wenn du es anschaust.

Hast du Lieblingsstücke?

Das ist mein Pegasus, der das Maul so gegen den Himmel hält, dass selbst der Mondschein Lichtreflexe hinterlässt – und natürlich die Sonne. Und weil er ohne Flügel auskommt, kannst du bequem drauf sitzen und bekommst dann selber Flügel. Schließlich bist du ja schon ein gutes Stück oberhalb des Erdbodens, da, wo die Träume beginnen.

Ja, und die Spurenbilder, die liebe ich auch, weil sie zeigen, dass Kunst ein Standort ist, eine Haltung, die davon spricht, wie einer in der Welt steht und wie er es in ihr aushält. Die Spurenbilder sind Bronzeplatten, auf denen ich Abdrücke, Eindrücke und Objekte hinterlasse, so wie viele andere Menschen auch, da ich deren Spuren sammle: altes Spielzeug, das ich am Strand gefunden habe und  Schuhe und Sohlen. Und die Patina, die fast wie in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts so einen leichten Goldton darauf zaubert, und damit das Vergängliche in ein mildes Licht taucht – kostbar, tröstlich und geheimnisvoll. Das ist auch Versöhnung mit Geschichte und mit der eigenen Endlichkeit.

Wie schwierig ist es für dich, diese Kunstwerke loszulassen? Es ist ja dein Beruf, als Künstlerin deine Werke zu verkaufen, aber es sind Dinge, die du mit Herzblut gemacht hast, deine Seele war am Schaffensprozess beteiligt. Und dann kauft sie einfach jemand und hat sie dann bei sich. Wie gehst du damit um?

Das ist unterschiedlich. Die Bronzen zum Beispiel werden in aller Regel in einer Auflage zwischen fünf und acht gegossen. Ein Exemplar sichere ich mir immer und das steht dann in meinem Garten, in meinem Park. Also wächst der Hügel. Mit den Bildern ist es leider anders. Die sind dann weg. Manches Mal tut ein Verkauf mehr weh, mapchmal weniger. Ab und zu gelingt es mir auch, das eine und andere Stück zu sichern – das kannst du dir aber nicht immer leisten. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Bestätigung, dass du an einem Thema arbeitest auf eine Art und Weise, die den anderen so berührt, dass er das Werkstück besitzen will. Weißt du, Kunst muss sich verteilen. Und je mehr von meinen Botschaften in der Welt sind – von diesem Lächeln und dem Trotzdem und dem kleinen Rest in unserer Welt, der nichts mit Interesse zu tun hat – umso mehr habe ich auch den Eindruck, dass es mir gelingt, etwas von dem zu sagen, was ich sagen will – und dass es ankommt.

Denkst du, während du arbeitest auch an den Betrachter? Der sieht ja das fertige Kunstwerk und kennt nicht den Strand, an dem du Sachen gefunden hast. Fragst du dich dabei manchmal, ob das, was du sagst, auch bei ihm ankommt? Wann kommt der Betrachter ins Spiel?

Erst mal mache ich ganz selbstversunken und mit aller, mir zu‚ Verfügung stehenden, Professionalität ein Werkstück. Der Wahrheit auf der Spur. Die Welt setzt sich in meine poröse Haut und zieht ohne Filter hindurch. So habe ich also mit dem Betrachter zu tun, wie er in der Welt steht und wie Welt sich heute anfühlt.

Da klappe ich meine Poren auf und versuche zu spüren, festzuhalten, wiederzugeben und weiterzugeben. Vielleicht daraus mein »Trotzdem« zu finden, meine Haltung, als ein Entwurf – oder als ein Gegenwurf. Wichtig bleibt, ob der Betrachter mit dem Werkstück etwas anfangen kann oder will – oder eben nicht. Wenn ich keinen Betrachter finde für meine Dinge, dann bleibt es Privatsprache, dann habe ich ein Selbstgespräch geführt.

Ein Künstler muss ein Stück Welt erkennen, auf seine Art festhalten und den anderen zur Verfügung stellen, die diese Zeit weder haben, weil sie sich auf andere Weise reproduzieren müssen, noch es gelernt haben, sich auf diese Weise auszudrücken.

Wann weißt du, wann ein Kunstwerk fertig ist? Und was ist das für ein Moment wie würdest du den beschreiben?

Es ist ein aufregender Moment. Im normalen Leben ganz oft unentschlossen, weiß ich in der Kunst sehr präzise, wann etwas zu Ende ist. Das ist genau dann, wenn dieses Fließ-Gleichgewicht erreicht ist. Es ist etwas Schwebendes. Ein kleiner Misston und es kippt ab. Vorher probiere ich oft lange hin und her, manchmal ist es nur ein Tupfer oder ein Nagel. Dann lasse ich es ein Weilchen stehen, aber ich spüre schon die Aufregung eines Endes. Ich schleiche drum herum, schaue aus den Augenwinkeln, gehe wieder weg und lebe mindestens einen Tag damit, schmeckend, probierend, betrachtend: stimmt’s oder fällt noch was runter oder ist etwas zu hoch. Und so nach etwa einem Tag sage ich dann, es ist fertig, setze die Unterschrift darunter und entlasse es mit diesem Akt in die Welt. Ich schaue noch immer probierend darauf, aber im Grunde ist es nur noch einmal eine kleine Vergewisserung. Selten, dass ich dann noch etwas verändere.

Ist es auch schon vorgekommen, dass du etwas nicht hast zu Ende führen können?

Ich erinnere es nicht. Wenn etwas am Scheitern ist, ist es eine Provokation, es wieder herauszuholen aus dem Urgrund des Chaos. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass du nur lange genug arbeiten musst. Ich hoffe nicht, dass es mal schwarze Bilder werden wie bei Reinhards, der erst dann zufrieden war – aber auch das war eine geniale Lösung.

Wir haben schon darüber gesprochen, dass du selbst in das Kunstwerk eingehst, indem du es schaffst. In gewisser Hinsicht sind dadurch deine Werke autobiographisch. In welchem Ausmaß trifft das denn zu? Wie sehr möchtest du dich überhaupt in deinen Werken erkennen lassen?

Bei der letzten großen Bronze-Ausstellung in Kassel kam eine Frau auf mich zu und wollte mich kennen lernen. Sie sagte, ich habe ihr mit meinen Sachen ein Lächeln geschenkt.

Das heißt, ich gebe ein Stück von mir ab ins Werk hinein. Kraft, Mut, Risikobereitschaft, Übermut, Abgrund, Spiel und immer wieder das Bemühen, aus dem Schicksal ein Machsal zu gestalten. Wie der, den Stein bergauf rollende, Sisyphos, fröhlich pfeifend, da er an den beschwerdefreien Abstieg denkt. Mit Humor eben, Galgenhumor. Oder mit Ironie. Zudem hat jede Werkgruppe eine Entstehungsgeschichte, die natürlich einen biographischen Hintergrund hat.

Ich lebe jetzt in Italien am Meer und nun spielen seit diesen zwei, drei Jahren, die Fundstücke vom Strand eine Rolle. Ich arbeite sehr oft in der Gießerei, und es werden die verbrannten Holzbretter wichtig mitsamt allem Werkzeug, das da rumliegt und sich ästhetisch vor mir entfaltet. In einem Moment der Erschöpfung und des Lose-Seins entdecken sich die Formen plötzlich auf bizarrste Weise und werden Material für meine Bilder.

Ich habe ein Haus verlassen, das mir lieb war, also habe ich mich sehr intensiv mit Häusern beschäftigt und sie als Metapher für Nest, Bedrohung, Zufluchtsort oder Wunsch in die Bilder gebracht. Ich bin sehr viel unterwegs und es entstand daraus eine ganze Ausstellung übers Unterwegs-Sein.

Also spielen biographische Situationen immer eine Rolle. Wie viel ich darin vorkomme und wie viel nicht – ich glaube, das passiert einfach: wenn ich etwa mit der linken Hand eine kleine Zeichnung mache – sogar mit geschlossenen Augen – kann ich dabei sicher sein, dass meine Befindlichkeit sich genau in diese Form setzt. Selbst wenn ich eine kleine Bronze modelliere, kann ich die Augen schließen und die Arbeit meinen Händen überlassen. Ab einem bestimmten Punkt verlagert sich das Denken in die Fingerspitzen. Und das gesamte System, das du bist und gelernt hast, spielt sich hinein ins Werkstück und spiegelt dich. Da etwas vorzumachen, ist Unfug. Es ist eitel und es ist dumm. Es produziert eine Form die nur dekorativ ist, und das siehst du ihr sofort an. Es lässt den Künstler auch leer zurück. Das heißt, du kannst deine Person nur ganz und gar geben. Mit vollem Risiko.

Du hast Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Du hast dich auf wissenschaftlicher Ebene mit der Kunst auseinandergesetzt. Das sind Dinge, die dich bewusst oder unbewusst begleiten, du kennst diese Traditionen. Inspirieren dich philosophische Modelle oder kunsthistorische Theorien heute bei deiner künstlerischen Arbeit?

Ich bin die Malerin und die Bildhauerin, das heißt, ich habe die Dinge in der Hand – viel mehr als im Kopf. Das heißt, der Kopf inspiriert und die Hände denken. Was mich bis heute begleitet, ist die Philosophie, viel mehr noch als die Kunstgeschichte. Diese hat mich zwar  das Sehen gelehrt oder Qualität zu spüren, die Unbestechlichkeit der Augen. Aber die Philosophie hat mir das Fleisch für diese Knochen verliehen und das ist bis heute so geblieben. Mit dem Glück, sehr früh einem guten Lehrmeister begegnet zu sein, Odo Marquard, begleiten mich seine Ideen und Gedanken bis heute. Vielleicht sogar mehr heute, als zur Studienzeit, da ich vieles in seiner Komplexität erst später begriffen habe und noch immer geht mir ein Stern im Kopf auf: so jetzt bei der Lektüre des kürzlich erschienen Essay-Bandes »Zukunft braucht Herkunft«¹.

Seinerzeit in einer Vorlesung das erste Mal gehört, bestimmt dieser Satz seitdem meine künstlerische Auffassung und fließt oft auch ganz direkt ins Werk. Ich denke an die Spurenbilder, die verkohlten Bretter, das Treibgut.

In einem Spiegel-Interview singt Marquard ein Hohelied auf den Teddybären oder den Plüschlöwen, als Metapher des kindlichen Vertrauens in die Welt – ich hatte kurz zuvor gerade einen Teddybären in Bronze gegossen, für den Baum meiner Kindheit, eine Birke, an der er klettern wird für immer. »Kunst ist’s, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst«, sagte er einmal ketzerisch. Doch diese Utopie des Scheiterns – Scheitern als Chance: das Stottern, das Ringen, das Suchen nach Wahrheit, das Vor-Haben – ist ein Leitfaden meines künstlerischen Schaffens geworden.

Carin, was ist dein nächster Traum? 

Eine verführerische Frage. Für eine, die 50 wird und ein bisschen nachdenkt und gleichzeitig vordenkt, die vielleicht mehr bilanziert, als entwirft, muss ich dir sagen, es sind eher die kleinen Dinge, die heute für mich eine Rolle spielen. Ja, ich habe vor – nachdem ich dreieinhalb Jahre Skulptur mache und sehr viel gearbeitet und gelernt habe, eine Bronze zu modellieren, die über mein Menschenmaß hinausführt. Ein großes Tier, zum Beispiel, unter dem du durchgehen kannst, eine BlauMiau. Oder auch einen großen Menschen, auf dessen Schuh sich heiter sitzen lässt, während er gleichzeitig auf dich herab blickt. Da fließt sicherlich noch einiges Adrenalin.

Aber es gibt Momente in meiner jetzigen Lebenssituation, wenn die Schmetterlinge durch mein Haus fliegen und sich ab und zu auf den Tellerrand setzen und Tausende von Glühwürmchen durch meinen Garten düsen und die Frösche quaken, dann ist es einfach gut. Und dieses Glück, was ich dann spüre, das ist für mich Reichtum, da geht kein Traum drüber hinaus – jedenfalls für ein Weilchen.

 

¹Odo Marquard
»Zukunft braucht Herkunft – Philosophische Essays«
Philipp Reclam jr. GmbH+co
Stuttgart 2003